Prof. Dr. Joachim Poeschke
Direktor des Instituts für Kunstgeschichte
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Die kunstgeschichtlichen Forschungen sollen Hand in Hand gehen mit den geplanten Untersuchungen der Farbfassung der Skulpturen und den bauarchäologischen und materialtechnischen Sondierungen, um sodann auf einer zuverlässiger als bisher ermittelten Materialgrundlage jene kunstgeschichtlichen Fragen, die in der Naumburg-Literatur bis heute kontrovers diskutiert sind, neu ins Visier zu nehmen und zu neuen Forschungsansätzen zu gelangen.
Die bis heute strittigen Fragen betreffen sowohl die Funktion und die Interpretation des Skulpturenensembles als auch dessen Verortung in den Kontext der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte. Sie lassen sich in drei Komplexe zusammenfassen: Das künstlerische Profil des »Naumburger Meisters« und seiner Werkstatt, die Stifterstatuen, der Lettner und seine Reliefs. Als vierter, in der bisherigen Forschung nur peripher berührter Fragenkomplex käme derjenige hinzu, der von der Untersuchung der Farbfassung der Skulpturen ausgeht. Vor und begleitend zur Untersuchung der hier skizzierten Einzelfragen wird der Forschungsstand gründlich zu sichten und ein kritisches Résumé der bisherigen Forschungsliteratur unter Einschluss der zunehmend ideologisch verzerrten Sicht des Naumburger Meisters und seiner Werke in den Jahren zwischen 1914 und 1945 zu erarbeiten sein.
Zwei Dissertationsvorhaben sind im Rahmen des kunstgeschichtlichen Teilprojekts vorgesehen, eines, das die Stifterstatuen und deren Voraussetzungen in der mittelalterlichen Skulptur zum Gegenstand hat, und ein zweites, das sich auf den Westlettner konzentriert. Aus der überregionalen Bedeutung der Naumburger Skulptur ergibt sich, dass die in Naumburg festzustellenden Befunde nicht nur, wie bisher oft geschehen, in einem regionalen geschichtlichen und kunstgeschichtlichen Zusammenhang, sondern in einem größeren, europäischen kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext gesehen und beurteilt werden müssen. In diesem Sinne will das Projekt nicht zuletzt auch einen Beitrag zur Erforschung des im 13. Jahrhundert von Frankreich nach Deutschland sich vollziehenden Kunst- und Kulturtransfers leisten.
Peter Bömer: Der Westlettner des Naumburger Doms und seine Bildwerke. Form- und funktionsgeschichtliche Studien
Nach dem Vorwort sowie im Anschluss an Ausführungen zur methodischen Vorgehensweise und zur Forschungsgeschichte des Westlettners bilden Überlegungen zur Formensprache und Ikonographie der Lettnerbildwerke den ersten Schwerpunkt der Arbeit: Hier stehen mit den in der Darstellung der Passion Christi verwandten Bildmitteln in erster Linie die Besonderheiten des Erzählstils im Vordergrund. Qualität und Einzigartigkeit lassen die Naumburger Bildwerke vor der Folie vergleichbarer zeitgenössischer Lettneranlagen und Skulpturenensembles besonders deutlich hervortreten und geben die unverkennbare ,Handschrift’ und die geistige Signatur des Naumburger Meisters zu erkennen. Unmittelbare formgeschichtliche Voraussetzungen werden vor allem in den Skulpturen des Mainzer Westlettners und der Kathedrale von Reims greifbar. Da die Forschung derzeit wohl zu Recht eine Entstehung des Naumburger Westchores in den 1240er Jahren annimmt und da sich aus Naumburger Perspektive eine aktuelle Bezugnahme auch zu zahlreichen Bildwerken (Großfiguren, Reliefs, floraler Baudekor) der Reimser Westfassade abzeichnet, wird deren Spätdatierung durch Peter Kurmann vor dem Hintergrund einer folgerichtigen chronologischen Einordnung dieser Werke neu zu überdenken sein.
Den zweiten Schwerpunkt der Arbeit stellen Untersuchungen zur Nutzung und Bedeutung des Westlettners dar: Aufgrund der dürftigen Überlieferungslage zur Liturgie des Naumburger Doms im Hochmittelalter sind zunächst allgemeine liturgische und theologische Quellen bis zum 13. Jahrhundert heranzuziehen. Des Weiteren bietet die bauliche Disposition in Naumburg wichtige Anhaltspunkte. Die funktionsorientierte Bestimmung des jeweiligen Bautyps von Ost- und Westchor, respektive Ost- und Westlettner, richtet ihren Fokus auf das in der liturgischen Praxis und im Vergleich zu quellenmäßig belegbaren Anlagen mögliche Nutzungsprofil. Die Größe und Modernität des Westchores im 13. Jahrhundert, der von der Liturgie vorgeschriebene feierliche Ein- und Auszug durch das nahezu ebenerdige, große Mittelportal des Westlettners sowie Quellenrecherchen zu Leserichtung und Adressaten im Rahmen der feierlichen Inszenierung der Evangelienlesung von der Lettnerbühne legen nahe, dass der Westchor unter anderem als Ort der Messfeier anlässlich großer kirchlicher Feste gedient hat. Die verbreitete Ansicht, der Kreuzaltar sei bereits im 13. Jahrhundert ein Laienaltar gewesen, oder die Vorstellung, man habe während der Messfeier im Westchor einer im Langhaus versammelten Laiengemeinde von der Lettnerbühne die Heilige Schrift verlesen, können für das 13. Jahrhundert als unzulässige Verallgemeinerung und Übertragung der Gewohnheiten späterer Jahrhunderte historisch nicht aufrecht erhalten werden.
Sabine Treude: Stiftergedenken in Statuen des 12.-14. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland
Auch nach der großen Landesausstellung „Der Naumburger Meister“ geht die Diskussion um die Stifterfiguren im Westchor des Domes weiter. Viel zu wenig berücksichtigt wurde bislang in der Forschung die zentrale Frage, wie sich das Stiftergedenken überhaupt in einer so monumentalen Form hat durchsetzen können. Ausgehend von aktuellen Positionen der Gedächtnis-Forschung und von einer Übersicht über die Entwicklung des monumentalen Stifterbildes in Malerei und Skulptur untersucht Sabine Treude in ihrer Dissertation daher vollplastische, im Kircheninneren bzw. am Portal aufgestellte
Stifterstatuen im deutschsprachigen Raum und in Frankreich, von ihrem ersten Auftreten bereits Mitte des 12. Jahrhunderts bis zu den auf Naumburg reagierenden Figurenzyklen des 13./14. Jahrhunderts. Von Interesse ist hier insbesondere die Frage nach der Person des Dargestellten, nach Form, Stil und Aufstellung der Statuen sowie nach Auftraggeber und Adressat, nötig eine kritische Auswertung der umfangreichen Literatur sowie des Liturgie und historischen Kontext betreffenden Quellenmaterials – mit dem Ziel, der Bedeutung mittelalterlicher Stifterstatuen einen Schritt näher zu kommen.
Prof. Dr. Joachim Poeschke
E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
www.uni-muenster.de/Kunstgeschichte
Doktoranden:
Sabine Treude | Peter Bömer

Westchor | Südseite mit den Stifterfiguren Gerburg, Konrad, Hermann und Reglindis
Stifterfiguren Ekkehard und Uta

Westlettner

Westlettner, Westseite

Kreuzigung am Portal des Westlettners | Foto: Jelca Kollatsch für VolkswagenStiftung
Blattkapitelle am Westlettner

Kathedrale zu Reims, mittleres Westportal
